Interview mit Paul Brody zu Hickory, Dickory, Dock – Englische Songs und Nonsens-Reime (Oetinger Verlag)

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Wie sind Sie auf die Idee zu „Hickory, Dickory, Dock“ gekommen?

Paul Brody: „Die Idee zu dieser CD ist nach und nach gewachsen: Zuerst war sie nur ein Vergnügen für meine Kinder. Dann wollten deren Freunde plötzlich auch singen und schließlich begann die Arbeit mit Kinderstimmen mich zu faszinieren, weil diese eine ganz besondere Qualität haben! Der Klang einer Stimme spiegelt einen bestimmten Abschnitt im Leben eines Menschen wider. Die Art und Weise, in der ein Kind bestimmte Worte singt und ausspricht und die Klangfarbe seiner Stimme sagen viel über einen Menschen aus. Das interessiert mich sehr! Als jemand, der viel mit Komposition und Improvisation zu tun hat, bin ich gewohnt, die Persönlichkeit eines Musikers in den Improvisationen, im Klang des Instruments und in der Phrasierung herauszuhören. Eine Kinderstimme ist unglaublich direkt und hat etwas beinahe Magisches in sich. Viel unmittelbarer als die Instrumente der Erwachsenen. Das ist sehr faszinierend! Nachdem ich von einer langen Tournee in Europa, den USA und Kanada zurückkam, wollte ich mit der Produktion einer ganzen CD mit Kinderliedern beginnen. Auf diese Weise bin ich auf Oetinger gestoßen: Der Verlag ist sehr offen für meine Ideen und mein musikalisches Experimentieren – wofür ich ihm sehr dankbar bin. Dort ist ein junges, dynamisches Team versammelt, das sich für Neues begeistert.

Kinder werden heute bombardiert mit Billigprodukten, die sie vom Leben, von der Natur, dem Spaß am Lernen und Lesen entfremden. Dieses „geistige Fast Food“ hat absolute keinen Nährwert und ist deshalb hochgradig ungesund! Oetinger hat das Rückgrat, Bücher und CDs zu produzieren, die mit Kindern respektvoll umgehen und deshalb bin ich so stolz auf unsere guten Arbeitsbeziehungen.“

 Sie sind ja in erster Linie Musiker. Welche Erfahrungen haben Sie als Pädagoge?

Paul Brody: „Manche Menschen sind die geborenen Lehrer – dann ist dieser Beruf eine Berufung. Genau so, wie Musik zu machen. Es ist nicht einfach nur eine Arbeit! Es geht um Menschenliebe und darum, weiterzugeben, dass Spaß am Lernen auch Spaß am Leben ist. Was übrigens der traditionellen jüdischen Lebensart sehr nahe ist: Das Lernen als wesentlichen Teil des Lebens zu begreifen. Und ein Aspekt des Lernens ist das Lehren. Ich war ein ziemlich mieser Schüler. Ich hab immer versucht, gut zu sein, aber Prüfungen und alles Wissenschaftliche haben mir nicht so sehr gelegen.

Kreativ zu sein war immer ein Weg, das logische Denken und Auswendiglernen zu umgehen. Es war für mich die einzige Möglichkeit, nicht den Anschluss an eine Welt zu verlieren, mit der ich fast nicht Schritt halten konnte. Alternative Lern- und Lehrmethoden waren also schon immer ein großes Thema für mich! Ich war – und bin es noch immer – ein langsamer Leser. Deshalb habe ich begonnen, mich für Dichtung zu interessieren. Ich habe sogar ein Poetik-Programm für die „Großstadtkinder“ des Schulbezirks Boston entworfen. Es befasste sich mit der „Macht der Worte“ und sollte den Kindern die Möglichkeit geben, Wörter unter vielen verschiedenen Aspekten zu entdecken: Wie sie klingen, aufgebaut sind und was sie aussagen. Worte und Musik sind mir in ähnlicher Weise beide sehr nahe. Und nachdem sie entdeckt hatten, welche unglaublich große Kraft und Dynamik in den Worten steckte, konnten diese Kinder mit dem Aufbau und der Konstruktion von Sprache etwas anfangen. Ich bin davon überzeugt, dass das eine bereichernde und hilfreiche Lebenserfahrung für sie war.“

 Auf der CD wirken 17 Erwachsene und 17 Kinder mit. Wie ist es dazu gekommen? War es von Anfang an so geplant?

 

Paul Brody: „Absolut nicht! Das ganze Projekt ist immer weiter gewachsen. Mehr und mehr Kinder, die Lust hatten, zu singen und etwas im Studio aufzunehmen, kamen dazu. Und in meiner musikalischen „Familie“ fand ich viele Kollegen aus der Rock-, Folk- und Jazz-Szene, die mit großer Begeisterung bei den Aufnahmen dabei waren. Es sind einige wirkliche Weltstars darunter, die Musikgeschichte geschrieben haben. Und darauf bin ich schon ziemlich stolz.“

 Sie beziehen auch klassische Kinderreime mit ein, verändern sie teilweise sogar. Darf man das?

Paul Brody: „Der „Hickory Dickory Dock“-Reim ist ein gutes Beispiel: Ich habe den zweiten Teil in „girl in a gown“ geändert, statt „man in brown“ zu übernehmen. Der historische soziale Kontext, aus dem heraus der ursprüngliche Reim entstanden ist, schien mir nicht mehr passend. Ich habe auch die Gegenstände verändert: the mouse, the clock, the pig, und meinen eigenen Reim gedichtet – der jetzt von einem Mädchen in einem wunderbaren britischen Akzent wiedergegeben wird. Ich betrachte das als Verwendung von Kulturgut! Das sollte nicht starr in einem Museum verstauben, sondern etwas Lebendiges und Wandelbares sein. Ich habe fünf CDs gemacht mit zeitgenössischer Klezmer-Musik und eine mit modernen amerikanischen Volksliedern – das macht mir enorm viel Spaß!“

 Welche musikalischen Einflüsse finden sich auf der CD?

Paul Brody: „An den Aufnahmen zu dieser CD waren Rockmusiker, ein argentinischer Percussionist, Klezmer- und Jazz-Musiker, ein Pianist aus New Orleans und ein bekannter portugiesischer Jazz/Fado-Bassist beteiligt. Dementsprechend finden sich all diese Stilrichtungen in der Musik wieder – genauso wie auch klassische Klavier-Kompositionen. Das hat nichts mit Multi-Kulti zu tun oder mit dem, was man unter „Weltmusik“ zusammenfasst. Schließlich finden sie alle in meiner Komposition zusammen. Es ist eher wie beim Kochen: Alle werfen ihre Gewürze mit in den Topf – und heraus kommt etwas sehr Schmackhaftes!“

 Könnte man nicht auch singend Mathematik oder Biologie lernen? Also, wäre Ihr Konzept auf andere Schulfächer ausdehnbar?

Paul Brody: „Es ist wissenschaftlich erforscht worden, dass bestimmte Teile des menschlichen Nervensystems auf Musik und Rhythmus ausgerichtet sind. Deshalb lautet die Antwort eindeutig Ja! Mein Sohn hat die europäischen Hauptstädte als Rap-Song auswendig gelernt – genauso wie die deutschen Bundesländer mit ihren Landeshauptstädten. Diese Art des Lernens ist nicht neu. Mein Vater hat auf diese Weise im Medizinstudium die Verbindung der Knochen im menschlichen Skelett gelernt – als Lied! Das hat mich als Kind sehr beeindruckt und ist mir im Gedächtnis geblieben.“

 Bisher haben Sie primär im Bereich Jazz, Theater und Experimentelle Musik gearbeitet. Wie reagieren denn Menschen, die Ihre Arbeit kennen, darauf, dass Sie jetzt „Kindermusik“ machen?

Paul Brody: „Immer auf die gleiche Weise: „Das ist toll! Es gibt so viel SCHLECHTE Musik für Kinder!“. Ich habe von Leuten, die die CD gehört haben, schon mehrmals die Anregung bekommen, sie doch auch in englischsprachigen Ländern zu veröffentlichen, weil die Musik so kraftvoll ist. Es ist absolut nicht so, dass ich meinen musikalischen Geschmack verrate weil die CD für Kinder gemacht ist –im Gegenteil! Ich betrachte es eher als eine ziemlich große Herausforderung, Musik zu machen, die einen künstlerischen Anspruch erhebt und gleichzeitig Kinder erreicht und ihnen Spaß macht!“

 Wo kann man Sie live erleben?

Paul Brody: „Zurzeit bin ich viel mit Komponieren beschäftigt. Dazu kommen etliche Film- und Theaterprojekte. Aber ich werde auf dem Festival der Jüdischen Kultur in Krakau eine Woche lang mit Jazzmusik auf der Bühne stehen. Im Juli werde ich dann beim „Yiddish Summer Weimar“ unterrichten und Musik machen. Im Oktober toure ich als Jazz-Solist durch Nordamerika und Kanada. Geplant sind auch Konzerte mit der wunderbaren Schauspielerin und Sängerin Eva Mattes. Der Komponist Ari Benjamin Meyers wird im legendären Berliner „Tresor“ einige Veranstaltungen ausrichten. Und schon im vergangenen Jahr haben wir eine CD mit Blixa Bargeld und den Einstürzenden Neubauten aufgenommen.

 Was dürfen wir als nächstes von Ihnen erwarten?

Paul Brody: „Für Oetinger werden wir eine Serie von CDs produzieren, die Musik und das Lernen der englischen Sprache miteinander verbinden. Die nächste CD wird sich an die jüngsten Anfänger richten – die etwa 5-6-Jährigen. Ich habe wirklich große Lust, ihnen den Klang der englischen Sprache und Grundlagen wie das Alphabet, Zahlen, Farben auf neue Weise vorzustellen. Es wird deshalb sicher eine CD, die sich von konventionellen Lern-CDs für das Englische unterscheidet. Ich möchte den Kindern die Möglichkeit geben, die ganz besonderen akustischen Eigenheiten dieser Sprache zu entdecken. Denn so schaffen die Zuhörer und Lernenden sich eine ganz starke unterbewusste Verbindung zum Englischen – und lernen mehr als nur ein paar Vokabeln. Mit dem Klang und Rhythmus einer Sprache zu arbeiten, spricht nicht nur den kognitiven Teil des Gehirns an, sondern berührt auch ganz stark die Erinnerungsfähigkeit des Körpers. Der Spaß an der Sprache und ihrem Klang ist ein wunderschöner aber leider ziemlich oft übersehener Bereich in unserer schnellen und leistungsorientierten Gesellschaft! Früher wurden Dichter, die Verfasser von Liedern und Wort-Schmiede sehr viel mehr geschätzt als heute. Ich denke da zum Beispiel an Carl Sandburg, Robert Frost und Folk-Sänger wie Pete Seeger…“

Das Interview mit Paul Brody führte Judith Kaiser (Oetinger) im Juni 2007

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