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„Wie meine Mutter ist Rose Ausländer nach dem Krieg nach New York gelangt und wollte ihr Deutsch hinter sich lassen. Aber Sprache reicht tiefer als ein Land und Rose Ausländer kehrte zu ihrer Muttersprache zurück. Für mich, der ich in Deutschland lebe, nachdem meine Mutter mit einem Kindertransport geflüchtet ist, hat es eine große Aussage, ein Album auf Deutsch zu produzieren“, sagt Paul Brody. Er findet mit Rose Ausländer eine Art von entfernter Seelenverwandtschaft, weil sie einen ähnlichen Humor teilen, die Liebe zur Sprachmusik und das Gefühl, in ihrer jeweiligen Welt deplatziert zu sein. Rose Ausländer war eine aus der Bukowina stammende deutsch- und englischsprachige Lyrikerin. Sie lebte in Österreich-Ungarn, Rumänien, den USA, Österreich und Deutschland.

„Hinter allen Worten“ unterscheidet sich radikal von Paul Brodys  bisherigen Aufnahmen: Lieder, Kompositionen, die auf der Sprachmelodie beruhen, atmosphärischer Indiejazz, Kinosoundtracks und eine klare Beschreibung über den kulturellen Wechsel von Amerika zur neuen Heimat in Deutschland.

Während John Zorn die ersten drei Alben von Paul Brody´s Sadawi produzierte, war die Band auf diversen Festivals für Jazz, Weltmusik und jüdische Kultur zu sehen, in Städten wie Chicago, Toronto, Portland, San Francisco, Warschau, Krakau, Zagreb und Hamburg. Auf den Kilometern dieser Reise reifte und entwickelte die Musik ihre ganz eigene Mischung aus lyrischen chassidischen Melodien,  Hyperbeats und Elektronik und zeigte einen weiten Kreis von Einflüssen: Ellington, Ives, Ornette, sowie Hendrix und die Gruppen der Lower East Side.

„Indiebands zeigen eine unglaubliche Kreativität in einer Zeit, in der die Popmusik längst durch die Musikindustrie getötet wurde. „Hinter allen Worten“ war zu großen Teilen inspiriert von den jungen Gruppen, die ich gehört habe, Aber ich komme aus einer anderen Generation und so würde ich unsere neue Aufnahme als  eine Art Indie Jazz einschätzen“.

Die Rhythmen sind einfach und, anders als in den Soloalben, zeigen die Aufnahmen mehr kollektive musikalische Farben und Klangvariationen. Außerdem verfügen Clueso, Meret Becker und Jelena Kuljic über ganz unterschiedliche kontrastierende Stimmen, so dass Paul Brody’s Sadawi daran arbeitet, diese drei Stimmqualitäten zu verbinden. Zwischen den Vokalteilen gibt es instrumentelle Spuren, die das Ohr von einer Stimmung in die nächste tragen, von einem Sänger zum nächsten. Ohne ihre Qualität als eine Band von Solisten zu verlieren, funktioniert Paul Brody’s Sadawi wie ein Fahrzeug, daß die Stimmen mit sich trägt und kleine Szenen wie in einem Film gestaltet.

Warum Meret Becker, Clueso und Jelena Kuljic?

„Während ich immer tiefer in die Lyrik von Rose Ausländer eintauchte, waren das die Sänger, mit denen ich gearbeitet habe. Ich hörte immer ihre Stimmen: Clueso im Bernewitz-Trio, Meret Becker mit ihrem Zirkusbandprojekt und Jelena Kuljic in einer experimentellen Musiktheaterproduktion im Burgtheater in Wien.

In meinem Kopf arbeiteten diese Stimmen zusammen. Und die Idee, sie gemeinsam auf einem Album zu präsentieren fühlte sich frisch und aufregend an. Drei große Talente aus drei komplett verschiedenen Kontexten: Ein Rap- und Popstar, eine etablierte Filmschauspielerin und eine großartige Schauspielerin und Jazzsängerin. Ich mag Risiken, Herausforderungen und Überraschungen.“

Nachdem er seit über zwanzig Jahren in Berlin lebt, hat Brody Deutschland nicht nur zu seinem Wohnort, sondern auch zu seiner kulturellen Heimat erklärt. Clueso, Meret und Jelena waren perfekt für die Aufnahmen von Rose Ausländer, weil sie alle überwiegend auf Deutsch arbeiten. Jelena Kuljic singt mit ihren eigenen Jazzbands überwiegend auf Englisch, arbeitet aber viel im deutschen Theater, Meret spielt in deutschen Filmen und Clueso schreibt Gedichte auf Deutsch.

Bisher präsentierten sich auf Paul Brodys Alben bekannte amerikanische Stars der zeitgenössischen jüdischen Musikszene: Frank London, Alan Bern und John Zorn. Auf „Hinter allen Worten“ zeigt einen deutlichen Wechsel von Amerika nach Deutschland und taucht durch die Lyrik Ausländers tief in die deutsche Sprache ein.

„Mit „Hinter allen Worten“ wollte ich meinen Respekt gegenüber meiner neuen Heimat ausdrücken. Rose Ausländers Gedichte sind dafür perfekt, weil viele von ihnen die Frage nach der Wahrnehmung von Heimat und Identität stellen: Wer bist du und wohin gehörst du? Und Ausländers Werk ist sehr musikalisch und hat einen lustigen, obskuren Humor.“

Mit Sängern zu arbeiten ist bereits schon eine natürliche Entwicklung für einen Trompetern dessen Lyrik inspiriert ist vom Singen und Sprechen von Trompetern wie Lester Bowie und Woody Shaw. Hinter allen Worten nimmt das Risiko auf sich, musikalisch drei radikal verschiedene Stimmen miteinander zu vereinen. Auch erstreckte sich die Arbeit an der Musik über einen Zeitraum von fünf Jahren und zeigt stilistische Wechsel.

Brody merkt an: „ Am Anfang war ich sehr tief in die Indie-Musik eingetaucht. Dann machte ich eine Soundinstallation für das jüdische Museum in Berlin. Ich machte Aufnahmen mit Menschen, die in Berlin leben und die darüber sprachen, was sie von ihrer kulturellen Heimat in Deutschland denken. Ich transkribierte ihre Sprachmelodien und komponierte Musik entlang der Melodien und Struktur ihrer Sprache. Das veränderte die Art, wie ich über das Komponieren dachte. Also ging ich eine Schritt zurück und schrieb Melodien entlang der Sprechstimmen von Meret, Jelena und Clueso. Das machte es für das Album noch herausfordernder ein Gesamtwerk zu entwickeln. Meine Band Sadawi spielt seit Jahren zusammen und ich hatte das Gefühl, das wir eine so starke musikalische Persönlichkeit entwickelt haben, um diese Herausforderung annehmen zu können.“

So wie sich Paul Brodys Musik im ständigen Dialog mit der Vergangenheit befindet ist sein eingespielter deutscher Text ein starkes Bekenntnis zu seinem Platz in Europa. Brody wuchs in dem Wissen auf, dass viele der älteren Generation deutsch sprechen konnten, auch seine eigene Mutter, aber diesen Teil ihrer Kindheit oft verdrängten. „ Ich wusste, dass meine Mutter deutsch sprechen konnte. Aber dass sie es nicht sprach, dass sie es nicht mit uns teilte, war wie ein stummer Beitrag von ihr, der seine ganz eigene Präsenz hatte. Erst als ich nach Deutschland zog begann sie wieder damit, deutsch zu sprechen.“

Brody weiter: „ Es steckt mehr dahinter, mit deutschen Texten zu arbeiten als die Tatsache, dass ich eben in Deutschland lebe. Als meine Mutter und ihre Generation mit den Kindertransporten aus Europa flohen, ließen viele von ihnen ihre deutsche Sprache zurück. Wie meine Mutter ist Rose Ausländer nach dem Krieg nach New York gelangt und wollte ihr Deutsch hinter sich lassen. Aber Sprache reicht tiefer als ein Land und Rose Ausländer kehrte zu ihrer Muttersprache zurück. Für mich, der ich in Deutschland lebe, nachdem meine Mutter mit einem Kindertransport geflüchtet ist, hat es eine große Aussage, ein Album auf Deutsch zu produzieren.“

Paul Brody findet mit Rose Ausländer eine Art von entfernter Seelenverwandtschaft, weil sie einen ähnlichen Humor teilen, die Liebe zur Sprachmusik und das Gefühl, in ihrer jeweiligen Welt deplatziert zu sein. Brody fühlt sich Rose Ausländers Frage nach der Zugehörigkeit so nahe, dass er eines ihrer Gedichte selbst auf dem Album rezitiert: Mensch aus Versehen wurde ein Credo von Brody, wegen der warmherzigen und humorvollen Art, die sein eigenes Gefühl der Deplatziertheit ausdrückt: Ich war einmal ein Hund / der Himmlische Hundehüter / warf mich in die Menschenwelt / statt ins Hundreich.

„Es war lustig, selbst ein Gedicht aufzunehmen mit den erstaunlichen Stimmen von Clueso, Meret und Jelena im Studio. Aber die Intention des Gedichts traf genau meine Stimme und meine Gefühle und passte perfekt zu meinem starken amerikanischen Akzent.“

Ein deutlicher Unterschied von „Hinter allen Worten“ und den vorherigen Aufnahmen von Paul Brody’s Sadawi ist die ruhige Spannung, die einen reiferen Stil zeigt. Es ist natürlich, Spannungen aufzubauen durch schnelle Tempos, harte Grooves und lautes, geschäftiges Spielen Aber Spannung  in einem sehr ruhigen Raum aufzubauen, ist das Zeichen eines erfahrenen Komponisten. Einige der Grooves sind sehr einfach und die Stimmen scheinen auf einem weichen Kissen von minimalen Klängen dahin zu gleiten. Es gibt mehr langsame Tempi und ruhige Momente als auf den vorherigen Aufnahmen und die Spannung resultiert aus dem langsamen Aufbau von Klang, bis die Gruppe richtig zuschlägt.

„ Zum einen wollte ich so minimal schreiben, damit mehr Raum für die Stimmen bleibt. Je mehr ich komponiere, desto mehr müssten sich die Stimmen mit der Band vermischen. Die Musik für „Hinter allen Worten“ zu schreiben, hatte mehr mit dem Schaffen von Freiräumen zu tun als damit, die Stille zu füllen. Aber ich wollte auch, dass der Zuhörer wirklich die Worte hören kann. Für mich sind Gedichte Wortmusik.“

In den Jahren, in denen die Musik zu „Hinter allen Worten“ entstand, wurde das Quintett von einer Streichergruppe und von Brodys Sounddesign unterstützt. Aber die Band führt die Lieder auch mit Jelena Kuljic in einem tourneetauglichen Programm auf.

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