ENDERS DOME / Electric Church

 

Synthesen aus sakraler, europäischer Musik und Jazz bzw. improvisierter Musik gibt es zuhauf. Doch Enders ist ein Album gelungen, das hierzulande bislang einmalig ist. Konkrete und mystische Räume durchdringen einander, Seelenlandschaften gehen in den Nischen und Wölbungen der geweihten Wände auf. Die Zeit erstarrt im Raum. Enders sucht nicht nach der einfachen Übersetzung des längst Verklungenen in aktueller Musik. Ihn interessiert mehr das Alte in ihm selbst, als das Vergangene in der Geschichte. „Mich hat schon immer der sakrale Raum fasziniert“, bekennt Enders.

„Man findet ja heute nur noch wenige Räume, die ein Vakuum erzeugen. Unabhängig von der Religion entfaltet jede Kirche ihren eigenen Klang. Jene alte, romanische Basilika in der Nähe von Schonau ist völlig schmucklos. Ich wollte diesen Raum schon immer ausloten. Mit John Hollenbeck und ein paar anderen Leuten im Hinterkopf habe ich Stücke geschrieben, die wir dann in zwei Sessions aufnahmen. Irgendwann entstand eine Schnittstelle zwischen dem elektronischen Kirchenraum und der Elektronik. Viele Aufnahmen habe ich im Nachhinein bearbeitet. Diese Sounds aus der Kirche brachten mich auf so viele Ideen, dass ich es schade gefunden hätte, nicht auch diesen anderen Raum zu öffnen. Da steckt sicher auch vieles von Enders Room drin, aber der Ausgangspunkt ist die Kirche.“

„Enders Dome“ hebt die Zeit als chronologischen Prozess auf. Johannes Enders greift zurück in eine Epoche, die weit vor allem liegt, was wir heute als Tradition begreifen. Doch er lässt sich nicht rückhaltlos in die Vergangenheit fallen, sondern entfacht einen Dialog. In dieser Hinsicht mag sein Album als Gegengift zum ständig wechselnden modischen Habitus taugen. Jedes Tröpfchen Zeitgeist, das man in diese Musik träufelt, verteilt sich in im Ozean aller Ereignisse, die je passiert sind und noch passieren werden. Die Musik ist von einer Last der Jahrhunderte geprägt, die dennoch ganz leicht wirkt. Und von einer Art Melancholie, die trotzdem nicht den Blick nach vorn verstellt. „Ich bin ja ganz offen für alle Gefühlswelten“, so Enders. „Ich hatte viel Zeit, über diese Platte nachzudenken. So ein Kirchenraum hat den Vorteil, dass die Zeit stehen bleibt. Kirchen- und Klosterräume sind und waren stets Orte, an denen man nach Antworten sucht. Ich habe immer das Gefühl, dass man heute viel zu schnell seine Suche aufgibt. Das finde ich schade.“ Die CD erzählt auch von einer Ankunft. Sie beschreibt eine Situation. Andere CDs von Enders versetzten den Hörer stets in den Zustand der internen und externen Bewegung. „Enders Dome“ ist jedoch eine Aufforderung zum Innehalten. Sie hält den Hörer fest und dehnt die Zeit aus, statt sie zu komprimieren. „Das ist vielleicht eine Frage der Identität“, erwägt der Saxofonist. „Enders Room setzt sich aus einer Vielzahl von Einflüssen zusammen. Und meine Jazz-CDs enthalten viele amerikanische Zutaten. Auf Enders Dome habe ich mal versucht, an gar nichts zu denken. Auch beim Komponieren besann ich mich auf meine abendländische Identität. Da spielen Kirchenräume eine prägende Rolle.“ Der Titel „Enders Dome“ klingt womöglich ein wenig ausladend, doch er bezieht sich nicht auf die Größe des Raums, sondern auf dessen spirituelle Beschaffenheit. Die Musik offenbart schnell eine Affinität zu Meditation und Askese. „Mich trieb die Frage um, wo ich selbst gegenüber so einem kargen Raum stehe, ohne mich ablenken zu lassen.“ Dieses Bekenntnis führt unmittelbar zur Persönlichkeit des feinsinnigen Jazzmusikers. „Enders Dome“ deckt menschliche Seiten von Johannes Enders auf, die auf seinen bisherigen Alben noch im Hintergrund standen. Er ist ein sehr überlegter Künstler, der wenig dem Zufall überlässt. Bevor er sich zu einer voreiligen Äußerung hinreißen lässt, denkt er lieber dreimal nach. Im direkten Gespräch drückt er sich stets langsam und vorsichtig aus. Er kommuniziert mit jedem Satz, dass er für seine Aussagen die volle Verantwortung trägt und es den Begriff Nebensache für ihn nicht gibt. Diese Nachdenklichkeit hallt auf der CD wieder. Die Szene von Weilheim gilt weit über die deutschen Grenzen hinaus als Paradiesgarten für musikalische Freiheit. Neben den Gebrüdern Acher zählt Johannes Enders zu den treibenden Kräften dieses Biotops, das von kühnen Journalisten schon mit dem multistilistischen Klangambiente von Chicago verglichen wurde. Ein wichtiger Aspekt dieser Offenheit ist für Enders die Nähe zur Natur. „Die Natur kalibriert mich immer zur Mitte hin“, sagt er beinahe ergriffen. Daher brauchte er auch nicht die Flucht in die Musikwelt des Mittelalters, um seinen persönlichen Bezug zum sakralen Stein herzustellen. „Ich bastle schon seit Jahren an dieser Musik herum. Als ich die Stücke für die Platte komponierte, war alte Musik sicher eine Inspiration. Ich wollte aber keine gregorianischen Choräle nachspielen, sondern beschäftigte mich mit der Frage, welche Musik heute in so einen Kirchenraum passen würde.“ Auf „Enders Dome“ verrät Enders eine enge physische Verbundenheit mit seinen Instrumenten und jedem einzelnen Ton. Gemeinsam mit dem norwegischen Trompeter Nils-Petter Molvaer, dem in München lebenden Tombak-Spieler Saam Schlamminger, Bassklarinettist Ulrich Wangenheim, Drummer John Hollenbeck und Organist Ralf Schmid zelebriert Enders die physische Schönheit und mystische Verklärung des reinen, für sich selbst stehenden Tons. Die Ekstase wohnt in den Zwischenräumen. „Das lag sicher daran, dass dieser Kirchenraum so empfindlich ist. Ich musste stets aufpassen, ihn nicht zu überfrachten. Der Raum reagiert ganz anders auf den einzelnen Ton, als ich es gewohnt bin. Insofern kommt mein persönliches Spiel als Bläser ganz anders rüber, als würde ich wie sonst mit einem Schlagzeuger einfach losspielen.“ Wolf Kampmann

 

 

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