Axel Dörner-tp
Rudi Mahall-bcl
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In den neunziger Jahren veröffentlichte das Quartett DIE ENTTÄUSCHUNG die erste Platte mit ausschliesslich Monk-Stücken. DIE ENTTÄUSCHUNG schafft das Kunststück, Monk in aller Radikalität die Treue zu halten, in enger Tuchfühlung mit den Originalen zu bleiben und sie dennoch auf den Kopf zu stellen. Den grossen Erfolg feiern die vier Berliner Musiker mehrere Jahre später mit der Aufnahme des Gesamtwerks von Thelonious Monk auf der Intakt-3er-CD-Box zusammen mit dem Pianisten Alexander von Schlippenbach. Das Medienecho auf «Monk‘s Casino» (Intakt CD 100) ist euphorisch.
Nun legen Rudi Mahall, Axel Dörner, Jan Roder und Uli Jennessen eine CD mit 17 Eigenkompositionen vor. «Diese Band kennt kein Trennen zwischen Gestern und Morgen», schreibt die «Jazzzeitung» zum Quartett. «DIE ENTTÄUSCHUNG ist berlinerischer als Berlin selbst und darüber hinaus in fast jeder Beziehung unerreicht. Kollektivimprovisationen jenseits der Konvention treiben dir den Blutdruck hoch und hinreißende Soli lassen dir den Atem stocken.» Oder wie der Musikjournalist Felix Klopotek (SPEX) die Musik von DIE ENTTÄUSCHUNG auf den Begriff bringt: «Concentrated intensity. Genau das, was man heute vom Jazz hören will.»
DIE ENTTÄUSCHUNG straft einmal mehr ihrem Namen Lügen. Das ‘Berliner‘ Quartett besteht – typisch Berlin? – aus einem Nürnberger Kontrabassklarinettisten, einem Kölner Trompeter, einem Lübecker Kontrabassisten und einem Drummer, nach dessen Herkunft ich schon gar nicht mehr zu fragen wage. Bekannt sind Rudi Mahall, Axel Dörner, Jan Röder und Uli Jennessen als Monk-Verehrer, anfänglich Fans (Die Enttäuschung, 1996), längst Spezialisten, die mit Monk‘s Casino (2005), angeführt von Alexander v. Schlippenbach, ihr Meisterstück lieferten. Auf dem neuen Album, das sie wiederum nur Die Enttäuschung (Intakt 125) getauft haben, glänzen sie ausschließlich mit Eigenkompoitionen. 17 insgesamt, keins länger als 5 Minuten. Keine Zeit für Weitschweifigkeiten also, alles ist hier quick, spritzig, hellwach, ein wenig zickig, immer sprühend vor übersprudelnder Spiellust und ‘oben mit‘. Als ob die Fingerspitzen, die Lippen und vor allem die Synapsen elektrisiert wären. Ohne Schnickschnack spielen die Vier genau den Jazz, den Ornette Coleman als The Shape of Jazz To Come an den Horizont gemalt hatte. Eigentlich nichts, was Cherry, Dolphy & Co. nicht auch schon drauf hatten. Dass dazwischen die Mauer gebaut und wieder abgerissen wurde, im ‘vorwärts – rückwärts‘ dieser swingenden, zuckenden, kapriolenden Postbop-Sonogramme gibt es nur Jetzt. Dörners Trompete und Mahalls Bassklarinette, zwei der eloquentesten Stimmen im heutigen Jazz überhaupt, scheinen wie mit elastischen Bändern verbunden, spielen sich die Bälle zu, fallen sich auffallend oft ins Wort. Dieses interaktive Moment, die Verzahnung ist mit das Schönste. Aber ich würde auch verstehen, wenn jemand an der federnden Rhythmsection einen Narren fressen würde, besonders wenn sie so leichtfüßig tänzelt wie bei ‘Silverstone Sparkle Goldfinger‘.
Rigobert Dittmann, Bad Alchemy, 56, 2007
Das Berliner Quartett, das 1996 mit einer Scheibe ausschließlich voll Monk debüttierte, schwang sich später mit Alex von Schlippenbach zu einer grandiosen und einzigartigen Hommage an Thelonious Monk auf, als sie dessen Gesamtwerk sammelte, spielte und interpretierte. Ihr Debut als Band mit Eigenkompositionen kommt spät, aber gerecht: besser jetzt, als wenn es zu spät ist. Mahall, Dörner, Roder und Jennessen leben Jazz – und ich meine JAZZ – mit allem, was dazugehört: Stilmacken®tum, verschossene Anzüge, Idiosynkrasien und kompetente Konsequenz. Zicken, Dandys, Kumpel, Komiker – bei diesen Vier ist alles drin. An einem guten Abend lassen sie dich mit offenem Mund stehen, wenn sie die Bühne längst verlassen haben, an einem schlechten schielst du nach dem Toilettenbesuch nervös zum Ausgang. Mittlerweile ist klar geworden, dass man von der Enttäuschung nicht mehr enttäuscht wird. Die 17 Eigenkompositionen überzeugen durch den pointierten traditionellen Tonstil, der bei aller Klassik genau zu den richtigen Referenzen in Sachen Abstraktion und bizarren Arrangements tendiert. Dann wird wieder alles in einen schmissigen Hit gegossen und auf den Flur geschüttet – könnt doch selber sehen, ob ihr ausrutscht oder stehen bleibt. Wir aber setzen uns hin und hören nochmal zu. MADE MY DAY by HONKER, Terz, Stadtzeitung für Kultur und Politik, Düsseldorf, September 2007
Mit dieser CD der Berliner Band Die Enttäuschung schließt sich ein Kreis – nach Auftritten mit Alex von Schlippenbach und dem Gesamt-Monk-Werk und einer umjubelten 3er-CD mit dem nämlichen Material, knüpft sie auf optischer wie klanglicher Ebene an das erste Album der Band an: ein Album, das nur auf schwerem Doppelvinyl und im Direktverkauf erhältlich war, mit einem aufwendigen Kiappcover mit dem Scherenschnitt-Artwork von Katja Mahall, launigen Titeln (“Wer kommt mehr vom ALG”) in reiner Quartettbesetzung, aber ohne Liner Notes. Die vorliegende Einspielung zitiert diese Eckdaten so ausführlich, dass ich es im ersten Moment für einen Re-Release dieses legendären Frühwerks hielt. Denn auch vom ersten Ton ist die Band nach diesem tiefen Eintauchen in die Kompositionen Monks wieder bei sich selbst gelandet. Themenköpfe aus rasanten Bebop-Fraktalen, viertelminütige Minidramen und Slapstick-Pantomimen, pointierte, Monologe und Stichomythien, eingebettet in einen Rausch aus kollektiver Improvisation, bei dem die Musiker die Rollen so schnell wechseln wie eine vierköpfige Theatertruppe, die eines der Königsdramen von Shakespeare in einer Dreiviertelstunde runterspielt – perfekt auf den Punkt gebrachtes, spontanes, aber immer kontrolliertes Chaos. Die klare Raumakustik der Aufnahme ist ein Trademark der Band, denn sie braucht keinen satten oder rigiden Klangraum, ihr Sound ist brüchig, an der Grenze zur Verflüssigung. Von Jennessens Schlagzeug kommt kein Volumen, sondern ein breites Spektrum von Hochund Mittelfrequenzen: Felle, Rims, Becken und das vereinzelte Wummsen der Kickdrum, die mit jan Roders Basslines die unteren Linien bildet. Weit darüber umschnattern sich Dörner und Mahall und ergänzen das Geflecht zum vierstimmigen Kontrapunkt; eine rhythmisch, harmonisch und melodisch eng verzahnte Art Fachscher Soundmathematik auf der Basis Duke Ellingtons, Ornette Colemans und natürlich Monks – vorgetragen mit Berliner Schnauze.
Eric Mandel, Jazzthetik, Deutschland, September 2007
english
In the nineties, the quartet Die Enttäuschung [The Disappointment] released their first record solely with pieces by Thelonius Monk. Die Enttäuschung managed the feat of radically remaining faithful to Monk and staying in close touch with the originals, and yet placing them on their heads. The four from Berlin celebrated a great success several years later with the recordings of the entire works of Monk on the 3-CD Intakt box with the pianist Alexander von Schlippenbach. The media has reacted euphorically to “Monk’s Casino” (Intakt 3CD-Box 100).
Now Rudi Mahall, Axel Dörner, Jan Roder and Uli Jennessen have released a CD with 17 of their own compositions. “This band knows no borders between yesterday and tomorrow” writes the German magazine Jazzzeitung about the quartet. “Die Enttäuschung is more Berlin than Berlin itself and, moreover, unparalleled in nearly every respect. Collective improvisations beyond convention will drive up your blood pressure and fantastic solos take away your breath.” Or it is, as the music journalist Felix Klopotek (Spex) sees the music from Die Enttäuschung, “concentrated intensity. Exactly that what one wants to hear from jazz today.”
www.myspace.com/dieenttaeuschung
http://www.intaktrec.ch/rev166-a.htm
